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Wildcamping-Paradies Estland

Autorenbild: Ursina Candraja
Ursina Candraja
vor 2 Tagen
7 Min. Lesezeit

Diesen Sommer ging es mit unserem Dachzelt ins Baltikum, einen für uns alle noch unbekannten Teil Europas. Seit wir vor zwei Jahren mit der Autofähre von Finnland nach Deutschland an Estland, Lettland und Litauen vorbeigefahren waren, standen diese Länder auf unserer Bucket List. Einerseits reizt es uns immer wieder neue Reiseziele und Länder zu entdecken und andererseits ist in den baltischen Staaten Wildcamping ganz offiziell erlaubt, was im Gegensatz zu  bekannteren Destinationen aber noch nicht Horden von Touristen mit verschiedensten Campingmobilen anzieht. Die grösste Auswahl an tollen Schlafplätzen fanden wir gleich in unserem ersten baltischen Reiseland, in Estland.



Über Südfinnland nach Estland


2024 haben wir unsere viermonatige Reise durch Europa mit einer Fährfahrt von Helsinki nach Travemünde beendet. Dieses Jahr starteten wir unseren Sommerroadtrip mit der gleichen Fähre, einfach in die andere Richtung.



Da sich unser "Grosser", der mittlerweile sogar grösser ist als ich, zum Abschluss seiner Primarschulzeit Fischerferien gewünscht hatte, stand vor unserer Baltikumtour bereits in Südfinnland Angeln auf dem Programm. Dank der herzlichen Gastfreundschaft von Bekannten aus der Schweiz hatten wir einen perfekten Start. Mit ihrem Ruderboot erreichten wir auch die grossen Hechte und konnten am späten Abend nicht nur einen traumhaften Sonnenuntergang, sondern in ihrem Ferienhaus auch eine typisch finnische Sauna geniessen.



Für etwas Bewegung machten wir zwischendurch eine kleine Wanderung von Hanko zum südlichsten Punkt des finnischen Festlands.



Und für etwas Kultur und Geschichte legten wir bei der Durchfahrt Zwischenstopps in Fiskars und Turku ein.



Wegen einer Schlechtwetterfront auf dem Festland flüchteten wir für zwei Tage auf Rosalalandet, eine der zehntausenden Inseln im finnischen Schärenmeer. Dort fanden wir einen Übernachtungsplatz an einem einsamen Strand, wo wir mit nichts als dem Rauschen der Wellen einschlafen durften.



Die letzten zwei Nächten in Finnland verbrachten wir auf dem nicht mehr ganz so idyllischen, aber angenehmen und komfortablen Stadtcampingplatz von Helsinki. Von dort brachte uns eine erstaunlich grosse, pumpenvolle und lebhafte Fähre der Viking Line nach Tallinn.



Tallinn


In der estnischen Hauptstadt startete unsere Erkundung des Baltikums. Vom Hafen fuhren wir mit dem Auto direkt zum barocken Schloss Katharinental, das im nordöstlichen Stadtbezirk Kadriorg liegt. Beim Spaziergang in der gepflegten, sauberen Parkanlage um das Schloss erhielten wir trotz trübem Regenwetter einen sehr positiven ersten Eindruck von Estland.



Zu Fuss erkundeten wir am nächsten Tag auch die gemütliche, malerische Altstadt Tallinns. Wir starteten unseren Stadtrundgang auf dem Domberg und verschafften uns von dort einen Überblick. Sowohl beim Betrachten der Gebäude als auch der Souvenirs konnten wir sogleich skandinavische, wie auch östliche Einflüsse erkennen. Nach einem Besuch der russisch-orthodoxen Alexander-Newski-Kathedrale flanierten wir inmitten der mächtigen Stadtmauern auf Kopfsteinpflasterstrassen durch die gut erhaltene Unterstadt. Am Rathausplatz schauten wir uns die älteste durchgehend in denselben Räumlichkeiten betriebene Apotheke Europas an, die in einem Nebenraum ein kleines, kostenloses Museum beherbergt. Unseren Mittagshunger stillten wir anschliessend im mittelalterlichen Restaurant Olde Hansa.



Für das Abendessen kauften wir auf dem Markt neben dem Bahnhof ein paar frische Eierschwämmli und fuhren anschliessend von der Innenstadt mit dem Zug zurück zu unserer Übernachtungsstätte, dem Camping Saunapunkt. In Grossstädten fällt unsere Wahl auch bei Wildcampingmöglichkeiten in den allermeisten Fällen auf einen Stadtcamping, was uns die Parkplatzsuche erspart und einen sicheren Schlafplatz bietet.


Nordwestliches Festland


Wenn die Jungs von unseren Reisen erzählen, bekommen wir häufiger, zu hören dass sich immer nur Städte und Wasserfälle abwechseln, obwohl wir uns noch ganz viele andere Orte anschauen. Etwas Wahres scheint aber dran zu sein. Unsere ersten Stopps waren neben der Hauptstadt tatsächlich wieder einmal bei Wasserfällen. Auch wenn die zwei bekanntesten Wasserfälle Estlands nur schon wegen der flachen Topografie des Landes nicht zu den spektakulärsten Europas zählen können, hatten sie für uns, wie jeder Wasserfall, ihren ganz eigenen Charme. Bei der Wahrnehmung spielen allerdings auch die Umgebung und das Wetter eine Rolle, was für uns beides den Keila Wasserfall noch etwas attraktiver machte als den grösseren Jägala Wasserfall. Der Keila Wasserfall ist nicht nur wegen seiner Hufeisenform, sondern auch wegen den romantischen Spazierwegen und Hängebrücken drumherum ein beliebtes Ausflugsziel für Verliebte.



Den folgenden Abstecher auf die Pakri-Halbinsel machten wir nicht nur wegen den Steilklippen und dem Leuchtturm an ihrer Spitze. Die vielen verlassenen Häuser auf unserer Irlandrundreise letzten Sommer haben Patricks Interesse für Lost Places geweckt. Mit verschiedensten Relikten aus der Sowjetzeit ist das Baltikum auch diesbezüglich eine spannende Destination. Die Küstenstadt Paldiski auf der Pakri-Halbinsel war einst als militärischer Stützpunkt und Trainingszentrum für Atom-U-Boot-Besatzungen eine „geschlossene Stadt“, die komplett von der Aussenwelt abgeschottet und zeitweise sogar von den Landkarten verschwunden war. In den Wäldern um die Stadt machten wir uns auf die Suche nach alten Militärgebäuden und wurden dank entsprechenden Apps tatsächlich fündig. Aber nicht nur diese verlassenen, von der Natur langsam wieder zurückeroberten Ruinen erinnern an diese Zeit, sondern auch noch immer bewohnte Plattenbauten in der Stadt.



Zum Glück mussten wir uns nicht für alle Lost Places einen Weg durch dichtes Unterholz bahnen. Einige dieser verlassenen Orte sind für Touristen erschlossen, wie das Gefängnis Murru in Rummu, wobei wir den spannendsten Teil dort fast verpasst hätten. Es gibt ein verhältnismässig teures Ticket für den Zugang zum ehemaligen Kalksteinbruch, wo die Gefängnisinsassen arbeiten mussten, und dem zugehörigen See mit untergegangenen Gefängnisgebäuden. Für einen kleinen Zuschlag kann man auch noch das Museum besuchen. Das Museum ist aber nicht nur ein kleiner, zusätzlicher Raum mit ein paar Fundstücken, was wir fälschlicherweise vermuteten, sondern das ganze, riesige Gefängnisgelände, zu dem man ohne Museumsticket gar keinen Zutritt hat. In der Sowjetzeit war dieses Gefängnis ein berüchtigtes Zwangsarbeitslager mit bis zu 2000 Häftlingen, das danach modernisiert und erst 2013 geschlossen wurde.



Da der Rundgang durch das weitläufige Gefängnisareal länger gedauert hatte, als gedacht, waren wir danach zu später Stunde noch auf der Suche nach einem Ess- und Schlafplatz. Aber in Estland ist das zum Glück kein Problem. Neben Campingplätzen und der Möglichkeit auf fast jedem Parkplatz zu übernachten, gibt es im ganzen Land mehrere Hundert staatliche, kostenlose RMK-Plätze. Das sind Natur- oder Wildcampingplätze, die von der Forstverwaltung unterhalten werden und meist Grillstellen, Trockentoiletten, Müllcontainer und manchmal sogar Brennholz bieten. Wir wurden also schnell fündig und auf unserem ersten RMK hatte es nicht nur Brennholz, sondern es brannte sogar schon ein Feuer. Unsere Würste und Maiskolben waren im Nu zubereitet und verspeist. Eine kleine Maus freute sich über heruntergefallene Brotkrümel und unsere Jungs über den See, an dem dieser RMK-Platz lag,



Da der Erfolg beim Fischen leider ausgelieben war und wir auf Google Maps etwas weiter entfernt einen grösseren See entdeckt hatten, wollten wir unser Glück dort auch noch versuchen und spazierten alle motiviert los. Leider war der See zumindest aus Sicht unseres Anglers aber ein komplett zugewachsener Reinfall.



Insel Hiiumaa


Bevor wir uns die grössere, touristischere Insel Saaremaa anschauten, machten wir eine Runde auf der nördlichen Insel Hiiumaa. Die zwei Inseln lassen sich gut kombinieren, wobei die Fähren vom Festland auf die Inseln viel häufiger fahren als die kleine Fähre zwischen den zwei Inseln. Für diese Fähre ist es zumindest in der Saison am Wochenende ohne frühzeitige Online-Reservierung sehr schwierig einen Platz zu bekommen, was unsere spontane Reiseplanung ein wenig einschränkte.



Wie beinahe auf unserer ganzen Baltikumtour waren die Autofahrten durch endlose Wälder auch auf Hiiumaa nicht besonders abwechslungsreich. Nach einem Morgenspaziergang auf der Landzunge Orjaku säär, wo wir mehr Wildpferden als Menschen begegneten, steuerten wir verschiedene Leuchttürme der Insel an.



Beim Tahkuna Leuchtturm erinnert ein Denkmal mit einer Glocke an die Kinder, die beim Untergang des Passagierschiffs Estonia 1994 umgekommen oder ihre Familie verloren haben.



Der markante Kõpu Leuchtturm ist nicht nur der älteste Leuchtturm der gesamten Ostseeregion, sondern der drittälteste der Welt, welcher heute noch in Betrieb ist. Da das Licht dieses Leuchtturms aber bei Nebel häufig nicht sichtbar ist, wurde nur etwa 10 km weiter westlich als Unterstützung der kleinere Leuchtturm von Ristna gebaut.



Zum Schlafen fanden wir auf Hiiumaa einen tollen RMK-Platz direkt am Meer. Dieser war zwar schon etwas grösser und voller als unser Erster, aber wir ergatterten noch einen freien überdachten Sitzplatz mit Grill für uns alleine.



Insel Saaremaa


Auf der Insel Saaremaa war unser Programm wieder etwas vielseitiger. Auf dem Mühlenberg von Angla besichtigten wir ein paar der letzten Windmühlen, die von den einst über 800 Exemplaren auf der Insel noch übrig geblieben sind. Den nächsten kurzen Stopp machten wir beim Kaali-Meteoritenkrater und bei der ehemaligen Bischofsburg in Kuressaare.



Von Kuressaare machten wir einen kleinen Abstecher nach Nordwesten um einen neueren Anwärter auf den Mittelpunkt Europas zu besuchen. Auf Wikipedia gibt es eine ganze Liste von Ländern, die diesen Punkt schon für sich beansprucht haben oder beanspruchen wollen und die Grenzen Europas alle ein wenig anders stecken. Anscheinend sind die Esten mit den Berechnungen des französischen Institut géographique national von 1989 nicht einverstanden, die einen Punkt in Litauen ergeben haben. Die Gemeinde Kärla hat ihren eigenen Mittelpunkt Europas deshalb in einem unscheinbaren Waldstück in der Nähe der Autostrasse schon einmal markiert, auch wenn es dafür bisher keine exakte wissenschaftliche Berechnung und Bestätigung gibt.



Auch wenn wir auf Hiiumaa bereits mehrere Leuchttürme besichtigt hatten, fuhren wir auf Saaremaa bis zur Südspitze der Halbinsel Sõrve um die Nacht bei einem Leuchtturm zu verbringen. Wir fanden auf der Zufahrtsstrasse eine kleine, freie Nische für unser Auto und Dachzelt, was uns besser gefiel als auf dem Touristenparkplatz zwischen Wohnmobilen in der Reihe zu stehen. Nach der Besteigung des Leuchtturms am nächsten Morgen ging es quer über die Insel Richtung Fährhafen.



Auf dem Festland Richtung Lettland


Wieder auf dem Festland angekommen, fuhren wir der Küste entlang südwärts. Bevor wir die Grenze nach Lettland überquerten, wollten wir aber noch eine Nacht auf einem RMK-Platz verbringen, da es diese Plätze nur in Estland gibt. Wir steuerten also den letzten RMK kurz vor der Grenze an und staunten nicht schlecht. Statt einem weiteren lauschigen Plätzchen fanden wir in einem ca. 2 km langen Waldabschnitt zwischen Strand und Strasse ein riesiges Zeltlager. Aus drei Generationen bestehende Grossfamilien, Gruppen von Jugendlichen, Paare und Alleinreisende reihten sich in Zelten nebeneinander und hatten sich auf vollgestellten Tischen und mit Wasserequipment von Stand-up-paddles bis aufgeblasenen Riesenfalmingos für die Ferien eingerichtet. Dazwischen fanden sich vereinzelte Touristen in ihren Bussen und Wohnmobilen. Nachdem wir uns mit diesem etwas anderen RMK abgefunden und irgendwo eine Nische gefunden hatten, wurde es doch noch ein gemütlicher Abend und das Zusammenleben auf diesem kostenlosen, unorganisierten Riesencampingplatz funktionierte erstaunlich gut. Wie die Finnen scheinen sich auch die Balten gegenseitig in Ruhe zu lassen. Sie sind zwar nicht besonders kontaktfreudig, aber reagieren freundlich auf Fragen oder Anliegen. Und vielleicht gibt es mit weniger Regeln ja manchmal sogar mehr Toleranz und Rücksichtnahme. Uns hat es jedenfalls auf allen RMKs gefallen und wir waren begeistert, dass Estland der Bevölkerung und den Touristen so tolle Plätze zur Verfügung stellt.



 
 
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